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Wenn es um Serienmörder geht, ist die Geschichte voll von männlichen Verbrechern, von weiblichen Serienkillern hört man dagegen eher selten – erst recht, wenn es um die filmische Darstellung dieser Schicksale geht.

 

Nachdem Aileen Wuornos im Jahr 1990 verhaftet wurde, sprach die Öffentlichkeit zum ersten Mal von einer SerienmörderIN. Serienmorde schienen bis dahin ein rein männliches Phänomen zu sein, was jedoch geschichtlich nicht korrekt ist. Aufzeichnungen über Serienmorde in Rom während des 1. Jahrhunderts n. Chr. zeigen, dass der erste dokumentierte Fall eines Serienmordes einer Frau zuzusprechen ist – sie war als Lucusta, die Giftmörderin bekannt und soll unter anderem Kaiser Claudius ermordet haben.

Schon früh zeichnete sich der Weg ab, den Aileen Wuornos einschlagen würde. Bereits zum Zeitpunkt ihrer Geburt in Rochester, Michigan, 1956 stand ihre Kindheit unter keinem glücklichen Stern – ihre Eltern Diane und Leo Pittman waren längst aus ihrer Teenager-Ehe geschieden. Ihren Vater – einen pädophilen Soziopaten, den man später in seiner Gefängniszelle erhängt auffand – lernte sie nie kennen und auch ihre Mutter schob Aileen und ihren knapp ein Jahr älteren Bruder Keith ab als sie vier Jahre alt war. Sie kamen in die Obhut ihrer Großeltern Lauri und Britta Wuornos – über das Leben, das sie dort führten, sind teils sehr widersprüchliche Aussagen bekannt. Doch es gibt auch viele Angaben darüber, dass der Großvater ein autoritärer Alkoholiker war, der seine Adoptivkinder sowohl physisch als auch psychisch missbraucht haben soll. Wuornos berichtete wohl einem Freund von dem sexuellen Missbrauch durch ihren Großvater, spielte ihre Aussage später jedoch wieder herunter. Was man jedoch weiß ist, dass Aileen erst als Teenager von ihrer tatsächlichen Familienkonstellation erfuhr und somit auch, dass ihre angebliche Schwester eigentlich ihre leibliche Mutter war.

Zeitzeugen beschrieben Aileen von jeher als ein schwieriges und verhaltensauffälliges Kind. So lief sie immer wieder von zu Hause weg, trank Alkohol, rauchte, konsumierte Drogen, beging Diebstähle und legte sogar Brände. Obwohl sie wiederholt versucht hatte sich das Leben zu nehmen, erhielt sie keinerlei psychologische Hilfe. Bereits ab ihrem elften Lebensjahr ging Aileen sexuellen Aktivitäten mit Jungen aus ihrer Nachbarschaft nach – im Gegenzug verlangte sie dafür Bier, Zigaretten oder Geld. Kurz darauf hatte sie Sex mit einem erwachsenen Freund ihres Großvaters und auch mit ihrem Bruder Keith soll sie im Alter von 14 Jahren Gerüchten zufolge eine inzestuöse Beziehung gehabt haben, aus der neun Monate später ein Kind hervorging, das sie jedoch zur Adoption freigab oder freigeben musste. Später wird Aileen aussagen, dass sie sowohl von ihrem Großvater als auch von ihrem Bruder vergewaltigt wurde. Nachdem ihre Großmutter starb brach die 15-Jährige die Schule ab und lebte von dort an auf der Straße. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie mit Prostitution.

1974 fällt die junge Frau dann erstmals offiziell durch Straftaten auf – sie wurde wegen Trunkenheit am Steuer und Schießens aus einem fahrenden Fahrzeug festgenommen. Zwei Jahre später lernte sie den über 40 Jahre älteren Yachtclub-Präsidenten Lewis Gratz Fell kennen und heiratete ihn – doch das Pretty-Woman-Märchen sollte sich nicht bewahrheiten. Wuornos wurde immer wieder durch Schlägereien und Körperverletzung straffällig und bekam ihre Aggressivität nicht in den Griff. Nachdem sie ihren Ehemann mit seinem eigenen Gehstock verprügelt hatte, erwirkte dieser die Annullierung der Ehe.

 

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Erst einige Jahre später lernte Wournos ihre lesbische Geliebte Tyria Moore kennen, für die sie sich Zeit ihre Lebens verantwortlich fühlte und zu der Zeit auch finanziell für sie sorgte. Da sie ihr Einkommen bis dahin größtenteils immer noch als Prostituierte auf dem Straßenstrich bestritt, traf sie in diesem Umfeld im November 1989 auch ihr erstes Mordopfer: Richard Mallory – ein verurteilter Vergewaltiger, den Wuornos, wie sie zunächst aussagte, aus Notwehr mit mehreren Schüssen tötete.

In den darauffolgenden Monaten erschoss Wuornos fünf weitere Männer (angeblichen Freiern), deren Morde ihr später nachgewiesen werden konnten. Außerdem wird Wuornos die Ermordung eines siebten Opfers, Peter Siems, zugerechnet, dessen Leiche bis heute jedoch nicht gefunden wurde. Siems’ Auto wurde dagegen entdeckt, nachdem Wuornos und Moore damit einen Unfall verursacht hatten. Ob Moore lediglich Mitwisser oder gar Mittäterin war, wurde nie geklärt.

Doch dieser Unfall brachte die Polizei erst auf Wuornos‘ Spur. Aufgrund einer erdrückenden Beweislast konnte sie 1991 schließlich verhaftet werden – in einer Biker Bar in Florida, die nebenbei bemerkt anschließend durch den Spruch „Cold Beer and Killer Women“ zu einer Touristenattraktion wurde.

Gegenüber ihrer Freundin Tyria hatte Aileen ihren ersten Mord gestanden, doch Tyria gab an, sie nicht für voll genommen zu haben. Tyria Moore kooperierte daraufhin mit der Polizei und stimmte einer Überwachung ihrer Telefonate mit Wuornos zu.

In einem persönlichen Gespräch gestand Wuornos schließlich die Morde und konnte somit überführt werden. Doch während ihres Prozesses tätigte sie gegenüber der Polizei und der Öffentlichkeit immer wieder widersprüchliche Aussagen, die sich zwischen kaltblütig geplanten Morden einerseits und Notwehr andererseits bewegten.

Ihr Prozess wurde von einem mehr als  lautstarken Medienecho begleitet, in dem sich auch viele Feministinnen zu Wort meldeten, die Wuornos’ Taten als Folge von Gewalt gegen Prostituierte verstanden und den Gerichtsprozess als ein Paradebeispiel dafür ansahen wie das Patriarchat die sexuelle Ausbeutung von Frauen einfach so duldet.

1992 wurde Aileen Wuornos schlussendlich wegen Mordes in sechs Fällen zum Tode verurteilt. Die Todesstrafe (Hinrichtung durch eine tödliche Injektion) fand zehn Jahre später im Florida State Prison statt. Während ihres letzten Interviews vor der Hinrichtung machte Wuornos einen eher geistig verwirrten Eindruck. Der Reporter, der das Interview durchführte, fragte sich später, wie sie den zuvor erfolgten Test ihrer psychischen Konstitution überhaupt habe bestehen können.

Laut eigenen Angaben hat Aileen Wuornos bis zu ihrer Verhaftung mit 250.000 Männern geschlafen, was sicher übertrieben sein muss – bei in etwa 20 Jahren Prostitution ergäbe diese Rechnung circa 34 Männer pro Tag. Von den tatsächlichen Freiern waren jedoch viele gewaltbereit und haben sie misshandelt, was sie auch nach ihrer Verurteilung immer wieder angab, auch, wenn Wuornos Aussagen zu ihren Motiven und den Tathergängen häufig änderte.

Aileen Wuornos ist eine der wenigen Serienmörderinnen, deren Taten zudem in mehreren Werken verfilmt wurden. Dabei bleibt in diesen Arbeiten ebenfalls unklar, ob sie selbst Täter oder Opfer war. Die bekannteste Verfilmung ist hierbei „Monster“ (2003) mit Charlize Theron, die für ihre Darstellung in der Hauptrolle einen Oscar und einen Golden Globe gewann. Auch hier zeigt sich die Figur der Aileen Wuornos ambivalent, was eine eindeutige Zuordnung der Serienmörderin als Täter oder Opfer innerhalb ihrer kriminellen und menschenunwürdigen Lebensumstände nahezu unmöglich macht. Bis heute teilen sich die Meinungen darüber.

… und wie im Film sollen Aillen Wuornos‘ letzte Worte, Teil einer kurzen und vor allem kryptischen Rede, gewesen sein: „I’ll be back.“

 

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