Foto © ITV / Crime + Investigation
Die 2010er-Jahre brachten einen Boom für Social Media und neue Formen der Online-Unterhaltung. Auf YouTube etablierten sich sogenannte Family-Vlogger, die ihren Alltag öffentlich dokumentierten und damit Millionen Menschen erreichten. Eine von ihnen war Ruby Franke aus Utah.
Anfang 2015 startete Franke gemeinsam mit ihrem Ehemann Kevin den YouTube-Kanal „8 Passengers“. Darin präsentierte das Paar das Familienleben mit seinen sechs Kindern und gab Einblicke in Alltag und Erziehung. Der Kanal entwickelte sich zu einem der bekanntesten Family-Vlogging-Formate auf YouTube. Bis 2020 hatte er rund 2,5 Millionen Abonnenten und mehr als eine Milliarde Aufrufe.
Familien-Vloggerin und Momfluencerin
Ruby Franke veröffentlichte regelmäßig Videos über das Leben ihrer Familie und verband persönliche Einblicke mit Erziehungstipps. Das öffentliche Bild einer Familie mit sechs Kindern stand dabei zunehmend im Kontrast zu Berichten und Diskussionen über Frankes Erziehungsmethoden.
Bereits ab 2020 geriet der Kanal stärker in die Kritik. Unter anderem sorgte die Aussage ihres damals jugendlichen Sohnes für Aufmerksamkeit, wonach ihm sein Bett entzogen worden sei und er mehrere Monate auf einem Sitzsack habe schlafen müssen. Auch andere von Franke öffentlich geschilderte Erziehungsmethoden lösten Kritik aus.
Kritik an der Erziehung
Die Kontroversen um „8 Passengers“ nahmen in den folgenden Jahren zu. Franke sprach selbst öffentlich über ungewöhnlich strenge Erziehungsmaßnahmen, darunter das Vorenthalten von Essen als Konsequenz für Fehlverhalten. Einzelne Aussagen und Videos des Kanals führten dazu, dass Zuschauer und andere Beobachter das Wohlergehen der Kinder infrage stellten.
Der YouTube-Kanal existiert heute nicht mehr. Franke hatte sich in dieser Zeit zunehmend von ihrem früheren Familien-Vlogging entfernt und arbeitete mit der Beraterin und späteren Geschäftspartnerin Jodi Hildebrandt zusammen.
Ruby Franke und Jodi Hildebrandt
Hildebrandt betrieb das Unternehmen ConneXions Classroom und trat gemeinsam mit Franke in Online-Videos auf. Die beiden veröffentlichten Inhalte zu Erziehung, Beziehungen und persönlicher Entwicklung und vertraten dabei teilweise stark restriktive Vorstellungen von Verhalten, Disziplin und Verantwortung.
Im weiteren Verlauf wurde Hildebrandt zu einer zentralen Figur in dem späteren Missbrauchsfall. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft waren religiös-extreme Vorstellungen ein wesentlicher Faktor für die Behandlung der Kinder. Franke und Hildebrandt sollen davon überzeugt gewesen sein, die Kinder müssten von vermeintlich „bösen“ Einflüssen befreit werden.
Die Verhaftung
Am 30. August 2023 floh Frankes damals zwölfjähriger Sohn aus Hildebrandts Haus in Ivins, Utah, und suchte bei einem Nachbarn Hilfe. Nach Angaben der Polizei war der Junge unterernährt und hatte Verletzungen sowie Klebeband an seinen Extremitäten. Er bat um Essen und Wasser und wurde anschließend medizinisch versorgt.
Die Polizei durchsuchte daraufhin das Haus und fand dort ein weiteres Kind in einem ähnlich schlechten körperlichen Zustand. Beide Kinder wurden zur Behandlung in ein Krankenhaus gebracht. Die Behörden nahmen anschließend Ruby Franke und Jodi Hildebrandt fest; auch Frankes vier weitere minderjährige Kinder wurden in die Obhut der Behörden genommen.
Franke und Hildebrandt wurden zunächst jeweils in sechs Fällen schwerer Kindesmisshandlung angeklagt. Im Dezember 2023 bekannten sich beide in jeweils vier Fällen schuldig. Die Anklagepunkte bezogen sich auf den Missbrauch von zwei von Frankes Kindern.
Das Urteil
Am 20. Februar 2024 verurteilte ein Gericht in Utah Ruby Franke zu vier aufeinanderfolgenden Haftstrafen von jeweils einem bis 15 Jahren. Rechnerisch ergeben sich daraus bis zu 60 Jahre, nach dem Recht des Bundesstaates Utah dürfen aufgrund der aufeinanderfolgenden Strafen jedoch höchstens 30 Jahre verbüßt werden. Über die tatsächliche Dauer der Haft entscheidet der Utah Board of Pardons and Parole.
Auch Jodi Hildebrandt erhielt dieselbe Strafzumessung.
Die Rolle der sozialen Medien
Der Fall Ruby Franke wirft auch Fragen nach der Rolle von Familien-Vlogging und Social Media auf. Über Jahre wurde das Familienleben öffentlich dokumentiert und einem Millionenpublikum zugänglich gemacht. Gleichzeitig entwickelten sich die Erziehungsvorstellungen hinter der Kamera in eine Richtung, die schließlich in schweren Kindesmisshandlungen mündete.
Der Fall zeigt damit auch die Grenzen zwischen öffentlicher Selbstdarstellung, kommerziellem Familien-Content und dem Schutz von Kindern auf Social Media. Die öffentliche Wahrnehmung der Familie und die später bekannt gewordenen Zustände innerhalb des Hauses unterschieden sich dabei grundlegend.
