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Bernard Oczkowski sollte die giftigen Chemikalien seiner in Houston, Texas, ansässigen Metall-Plattierungs-Firma ordnungsgemäß entsorgen - tat er aber nicht. Und die Behörden fanden es heraus.

Solche Ordnungswidrigkeiten ziehen normalerweise Geldstrafen oder Inhaftierungen nach sich. Aber 2004 wurde Oczkowski von einem Richter wegen illegalen Entsorgens von Chrom dazu verurteilt, einen ekligen Mix aus giftigem Matsch zu trinken.

„Wenn Sie das Nebenprodukt Ihres eigenen Produkts probiert hätten, hätten Sie vielleicht darüber nachgedacht, ob Sie so etwas jemals in einen Bach schmeißen oder im Abfluss runterspülen würden oder auf irgendeine Art und Weise dazu beitragen würden, unser Wasser zu verschmutzen“, schalt der Richter.

Nicht jede Entscheidung ist einer Kontrolle gewachsen, aber Richter haben eine gewisse Flexibilität, wenn es darum geht, Strafen zu verteilen. Deswegen können laut dem National Center for State Courts Urteilssprüche von einem Zuständigkeitsbereich zum anderen variieren.

Während die meisten Verurteilten eines Verbrechens, bei dem Inhaftierung eine Möglichkeit ist, ihre Strafe im Gefängnis absitzen, denken die Richter in manchen Fällen an ungewöhnliche Strafen, die zu dem Verbrechen passen.

Solch maßgeschneiderte Urteile können für alle Beteiligten günstig sein, so Michael Roth, Professor für Strafrecht an der Sam Houston State University in Texas. Sein Buch „An Eye for an Eye“ erzählt die weltweite Geschichte der Verbrechen und Strafen. „Jeden für das gleiche Verbrechen zu bestrafen ist albern“, weil jeder Täter und jede Situation anders ist, sagt er.

Laut Roth kann das Gefängnis für einige Straftäter, vor allem für die jüngeren, sogar die schlechteste Wahl sein. „Das Gefängnis läutert niemanden“, sagt er. „Es ist eher eine Schule des Verbrechens.“

 

Strafe mit einem Ziel

Ein Richter in Ohio wurde bekannt für seine ungewöhnlichen Urteilssprüche. Richter Michael Cicconetti aus Painesville hat zum Beispiel einer Frau befohlen, 50 Kilometer zu gehen, nachdem sie einen Taxifahrer nach einer 50-Kilometer-Fahrt um sein Geld betrogen hatte. Er erklärte einem Mann, der betrunken Auto gefahren war, dass er einer Haftstrafe entgehen könnte, wenn er sich Opfer von Autounfällen ansähe.

„Normalerweise nutze ich diese kreative Bestrafungs-Alternative für jüngere Leute, die beeinflussbarer oder zumindest etwas reumütiger und meist Ersttäter sind“, sagt Cicconetti. „Die Philosophie dahinter ist folgende: Egal, welche Strafe sie wählen, sie wird sie davon abhalten wegen eines anderen Vorwurfs wieder vor Gericht zu landen.“

 

Anstelle von Inhaftierung: Friedensstiftender Gesprächskreis, Thanksgiving-Abendessen, Bestattungskosten

Ungewöhnliche Bestrafungen wurden auch in schlimmeren Fällen verhängt: 

 

  • In Chicago wurde ein weißer Teenager wegen eines Hassverbrechens angeklagt, weil er eine Schlinge um den Hals eines schwarzen Teenagers gezogen hatte. Er wurde dazu verurteilt, einen Aufsatz über das Lynchen zu schreiben. Außerdem musste er mit dem Opfer an einem „friedensstiftenden Gesprächskreis“ teilnehmen. Matthew Herrmann, der am Tag seiner Verurteilung 20 Jahre alt wurde, bekam Bewährung, nachdem er sich wegen Körperverletzung schuldig bekannt hatte.

     
  • In Ohio musste eine Frau nach einer Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung ein Thanksgiving-Abendessen für drei Polizeibeamte kochen. Valerie Rodgers aus der Gemeinde Tuscarawas hatte einen Polizisten umgefahren, der den Verkehr regelte. Ihre Strafe: Sie musste ein Essen zubereiten für Polizeibeamte, die beurlaubt waren oder die aus anderen Gründen nicht arbeiten konnten.

     
  • In Cincinnati wurde ein Drogendealer angewiesen, die Bestattungskosten eines 17-jährigen Kunden zu zahlen, der nach einer Überdosis Fentanyl gestorben war. Michael Chandler, 29, wurde im Mai 2017 außerdem zu 17 Monaten Gefängnis verurteilt.

 

Richter setzt auf eine höhere Macht

An einem weiteren tödlichen Fall war ein Teenager aus Oklahoma beteiligt, Tyler Alred. Er sagte der Polizei, dass er getrunken hatte, bevor er im Dezember 2011 gegen ein Baum fuhr und dadurch seinen Freund John Luke Dum, 16, tötete. Aber Dums Schwester Caitlin, die nicht wollte, dass Alred ins Gefängnis muss, sagte: „Wir wollen nicht, dass zwei Leben vertan sind wegen eines Fehlers.“ Alred wurde angewiesen, zehn Jahre lang zur Kirche zu gehen als Teil seiner aufgeschobenen Strafe wegen Totschlags.

Alred, der damals 17 war, begrüßte die ungewöhnliche Regelung. „Ich gehe regelmäßig in die Kirche, wie ich es auch vor der Urteilsverkündung getan habe“, erzählt er A&E Real Crime. „Ich glaube, die Kirche hat einen positiven Einfluss, daher war das kein Problem für mich.“

Die ACLU von Oklahoma hat allerdings aus Verfassungsgründen Beschwerde gegen den Bezirksrichter Mike Norman eingereicht. Die ACLU sagt, dass sie das Ergebnis nicht preisgeben kann und der Bezirksstaatsanwalt von Muskogee County, Orvil Loge, sagt, dass das Gerichtsprotokoll nicht wiedergibt, ob die Kirchenauflage aufgehoben wurde.

Dennoch unterstützt er die Idee der alternativen Strafen, „so lange sie vollziehbar sind.“ Sie sind effektiv, „wenn die Täter mit ihrer eigenen Lösung für ihre kriminelle Schuld ankommen“, erklärt er, aber das kann auch fehlschlagen, wenn es vom Richter zugeteilt wird. „Wenn sie nicht die Logik darin sehen, könnte es zu Ärger führen“, so Loge.

Was Oczkowski betrifft, er musste nie den widerlichen Cocktail trinken, nachdem Beamten entschieden hatten, dass es gefährlich ist, jegliche Menge an Chrom zu trinken. Und nicht nur das, der Richter wurde außerdem von der State Commission on Judicial Conduct abgemahnt.

Dennoch sind ungewöhnliche Bestrafungen ein guter Weg, um die geleistete Gerechtigkeit aufzuwerten, sagt Keith Swisher, ein gerichtlicher Ethikexperte an der University of Arizona’s College of Law.

„Sie können vielversprechend sein, aber sie müssen in Grenzen ausgestellt werden“, sagt Swisher. „Wenn man davon ausgeht, dass sie gesetzeskonform, nicht erniedrigend und nicht über die Maßen hart sind, dann können sie kreativ und effektiver sein als die traditionellen Haftstrafen.“