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Alexis Robie, Executive Producer von „The First 48“ verrät, was er in den 14 Jahren, seitdem er die Sendung produziert, gelernt hat. Er hat 859 Festnahmen miterlebt und 584 Fälle untersucht, darunter das schlimmste Verbrechen, über das er jemals berichtet hat.

Real Crime: Warum sind die ersten 48 Stunden so wichtig?

Robie: Fast alle Kriminalbeamten der Mordkommission und Experten würden sagen, dass man kaum Chancen hat, den Fall zu lösen, wenn man in den ersten 48 Stunden keinen Hinweis findet. In den ersten 48 Stunden sind die Erinnerungen der Leute am besten. Dann hat man die Möglichkeit, den Hinweisen Spur für Spur nachzugehen. Je mehr Zeit verstreicht, umso schlechter werden die Beweise, Zeugen verschwinden und Überwachungsvideos werden überspielt.

RC: Was macht den Unterschied aus zwischen einem guten Mordermittler und einen guten Ermittler in einem ungeklärten Kriminalfall?

Robie: Gute, aktive Mordermittler können gute Ermittler bei ungeklärten Kriminalfällen werden, aber andersherum ist das nicht automatisch der Fall. Das hat viel damit zu tun, wie man den Wettlauf gegen die Zeit angeht, wenn man an einem offenen Fall dran ist. Man muss sehr schnell Entscheidungen treffen. Wenn Sie zu lang brauchen, um eine Information eines Zeugen zu verarbeiten, einen Tatort oder Telefonaufzeichnungen zu analysieren, hat der Verdächtige vielleicht schon die Stadt verlassen. Die Täter könnten weitere Personen verletzen.

Bei einem ungeklärten Kriminalfall muss man sich nicht beeilen, außer man hat einen neuen Hinweis. Einige der besten Mordermittler, die ich gesehen habe, sind extrem aggressiv und proaktiv und sie arbeiten erbarmungslos. Wir haben welche gesehen, die so lang arbeiten, bis sie vor Erschöpfung ausscheiden müssen. Das sind dann oft die Fälle, die gelöst werden.

RC: Welcher Fall hat sie am meisten verfolgt?

Robie: Kürzlich, in einer Folge aus New Orleans mit dem Namen „Broken Home“, hat ein Mann die Mutter seines Kindes vor den Augen des vierjährigen Kindes getötet. Das war sehr erschütternd. Wenn man selbst Kinder hat, ist es schwer, über so eine Geschichte zu berichten. Die Ermittler waren sehr betroffen. Sie haben viele Emotionen durchlebt. Das wollte ich gern zeigen. Es machte sie menschlich auf eine Art, die wichtig ist. Und es gab eine unbeabsichtigte Auswirkung: Zuschauer haben Geld gesammelt, um dem Kind Hilfe zukommen zu lassen. Sie haben es einem Ermittler geschickt, der es dem Kind überbrachte. Dafür hat es sich meiner Meinung nach gelohnt.

RC: Welchen Nutzen ziehen Zuschauer aus Ihrer Show?

Robie: Es ist eine Doku und sie können ganz altmodisch bei den Ermittlungen zusehen. Alles ist real und wahr. Bei einer Mordermittlung durchlebt man eine Heldenreise. Man nimmt an einer Untersuchung ins große Unbekannte teil, um jemanden zu finden, der nicht gefunden werden möchte. Die Spannung ist da; man muss sie nicht erzeugen. Der Konflikt ist da; man muss ihn nicht erfinden. Anders als viele Reality-TV-Shows heutzutage, handelt es sich hierbei um tatsächliches Drama. Und ich glaube, das verlangen die Leute. Im Grunde genommen reden wir über echtes Drama, über eins der größten Tabu-Themen – einen Menschen zu töten – und über die Leute, die viel opfern, um der Sache auf den Grund zu gehen. Das Gute, das dabei rauskommt, wenn man positive Ermittlungsarbeit  zeigt, hat eine bleibende Wirkung auf die Gemeinden und die Beziehungen zur Polizei. Für mich ist das von unschätzbarem Wert.

RC: Wie suchen Sie aus, wo sie die Show drehen?

Robie: Ich will nicht zu viel verraten, aber wir haben eine große Bandbreite an Wissen von vielen Strafverfolgungsbehörden in den USA. Nach so vielen Jahren, in denen wir diese Sendung gemacht haben, haben wir tolle Beziehungen aufbauen können. Die Leute, die sich fragen, ob wir ein bestimmtes Opfer oder einen bestimmten Täter aussuchen, auf den wir uns fokussieren: Nein. Wir gehen an so viele Orte wie möglich. Wir versuchen jedem Fall zu folgen. Aber nicht jeder Fall funktioniert fürs Fernsehen. Wir benötigen viele verschiedene Elemente. Wenn überhaupt, dann versuchen wir so viel Abwechslung wie möglich reinzubringen, denn leider sind so viele verschiedene Arten von Menschen in diesem Land von Gewalt betroffen.

RC: Gibt es Momente, in denen die Ermittler die Kameras vergessen?

Robie: Das hängt von jedem einzelnen ab. Einigen Ermittlern sind die Kameras völlig egal. Andere vergessen sie nie. Die Sendung ist in der Tradition des Cinéma-Verité gemacht, des Dokumentarfilms, bei dem man so wenig Leute wie möglich hat, um so unauffällig wie möglich zu sein.

RC: Warum haben Sie das digitale Spin-Off „The First 48: Inside the Tape“ gemacht?

Robie: Diese fünfzehnminütigen Spin-Off-Folgen erzählen kürzere Geschichten für Zuschauer, die nicht genug kriegen können von „The First 48“. Sie beanspruchen nur eine kurze Zeitspanne. Einige behandeln Ermittlungen von Todesursachen, nicht unbedingt Mord, was ein bisschen mehr Einblick in das Leben eines Mordermittlers gibt.