Im Jahr 2005 hatte Tommy Ray, Sonderermittler beim Florida Department of Law Enforcement, eine Idee, die die Ermittlungen ungeklärter Mordfälle revolutionieren sollte: Ein Spiel draus zu machen.
Details von ungelösten Fällen wurden auf die Gesichter eines traditionellen 52-Karten-Decks gedruckt und an Häftlinge verteilt, in der Hoffnung, dass die Inhaftierten den Ermittlern während eines Pokerspiels neue Hinweise geben könnten. Obwohl die Idee anfangs mit Skepsis betrachtet wurde, bewiesen sich die Karten als großer Fortschritt. Mittlerweile gibt es sie in 18 US-Bundesstaaten, Tendenz steigend.
A&E Crime sprach mit Ray darüber, wie es zu der Idee kam, warum die Karten so effektiv sind und ob die Familien der Opfer dieses unkonventionelle Programm akzeptieren.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen? Gab es einen Aha-Moment?
Vor mehreren Jahren hatte ich einen Drogenfall, bei dem ich einen Mann befragt habe und er hat mir gesagt: „Sie wollen meinen Bruder, nicht mich.“ Ich hatte den falschen Häftling im Gefängnis kontaktiert. Ich habe zu ihm gesagt: „Nachdem ich Sie schon rausgezogen habe, lassen Sie uns eine Cola trinken. Geht auf mich.“
Wir saßen also da und haben eine Cola getrunken und ich meinte zu ihm: „Ich arbeite auch an ungeklärten Mordfällen, Sie wissen nicht zufällig was über irgendwelche alten Morde, oder?“
Er antwortete: „Ich weiß was über diesen einen Mord, aber der ist schon gelöst.“ Ich fragte ihn: „Welcher Fall ist das?“ Und er sagte „Angela Nash“. Ich wusste, dass dieser Fall nicht gelöst war. Er sagte: „Ich dachte, ihr Freund ist festgenommen worden, weil er mir gegenüber zugegen hat, dass er seine Freundin umgebracht hat.“
Er hat mir also diese Information gegeben und ich konnte gehen und diesen fünf Jahre alten Mordfall lösen. Völlig zufällig. Wenn ich alle diese Häftlinge kontaktieren könnte, wäre es unglaublich, wie viele Informationen wir kriegen könnten.
Die Karten ins Spiel zu bringen, war einfach das Erschließen einer weiteren Quelle.
Wir hatten eins unserer Treffen zu den ungeklärten Fällen. Es gab diese Karten schon für Flüchtige, Personen mit ausstehendem Haftbefehl, aber diese Leute waren inhaftiert worden, bevor die Karten ausgestellt wurden. Ich meinte: „Warum drucken wir nicht ungelöste Mordfälle darauf? Vermisste Personen?“ Einer meinte zu mir: „Das ist die dümmste Idee, die ich je gehört habe.“
Was kommt auf die Karte?
Das Bild des Opfers. Alle unter 18 werden als Silhouette gezeigt.
(Anmerkung der Redaktion: Auf den Karten werden außerdem Details zu dem Fall und eine Hinweistelefonnummer angegeben.)
Warum gab es Widerstand im Dezernat?
Kosten. Das Geld für die Karten aufzubringen.
Anfangs haben wir sie verschenkt. Für das erste Kartenspiel haben wir einen Bundeszuschuss bekommen können, um für einige zu zahlen. Ich glaube, wir haben 145.000 Kartenspiele. Im County-Gefängnis von Bartow in Florida fing es an: 4.000 oder 5.000 Häftlinge. In den ersten zwei oder drei Monaten hieß es immer: „Was ist aus eurer super Idee mit den Karten geworden?“
Ich habe gesagt: „Habt einfach Geduld.“
Nach ungefähr fünf oder sechs Monaten hat mich ein befreundeter Kripobeamter angerufen. Er hat gesagt: „Ich habe einen Anruf bekommen. Ich werde den Thomas Grammer Fall lösen können.“
Wir hatten es geschafft. Gemeinsam mit den Verbrechensbekämpfern und dem Büro des Justizministers haben wir genug Karten für jeden Häftling in Florida bekommen. Innerhalb weniger Monate wurden zwei Fälle gelöst: James Foote und Ingrid Lugo.
Bingo.
Wie haben Sie die Fälle für die Karten ausgesucht?
Ich habe sie mir angesehen und die ausgesucht, die am ehesten lösbar schienen. Fälle, bei denen es Zeugen gab oder bei denen ein Auto den Tatort verlassen hat. Viele waren ungelöste Mordfälle, hauptsächlich aus meiner Laufbahn. Ich habe 1982 mit ungelösten Mordfällen für das Polk County Sheriff’s Office angefangen. Ich habe versucht, jeden Fall unterzubringen, den wir hatten.
Es gab sicherlich schon vorher Versuche von der Polizei, Informationen über ungeklärte Fälle von Häftlingen zu erhalten. Warum sind diese Karten Ihrer Meinung nach so effektiv?
Wir haben es mit Flyern probiert, die wir in die Gefängnisse gelegt haben. Wir hatten sogar einen Video-Feed, mit Berichten zu ungeklärten Fällen. Aber es ist persönlicher, wenn man die Karte in seiner Hand hält und auf das Foto des Opfers starrt. Es hat eher einen psychologischen Effekt.
Außerdem führt es häufig zu einer Diskussion unter den Kartenspielern. Außer Sport machen, ist das alles, was sie tun können – den ganzen Tag dasitzen und Karten spielen.
Bringen diese Karten die Häftlinge dazu, sich mit Informationen, die sie schon immer hatten, aber mit denen sie nie herausgerückt sind, an die Behörden zu wenden? Oder führen sie beim Kartenspielen zu Geständnissen unter den Häftlingen, so dass sich die Häftlinge gegenseitig ausliefern?
Es ist eine Kombination aus beidem. Es gab da einen Fall von einem Häftling. Er saß im Live Oak Gefängnis in Florida. Während sie Karten spielten, ging er zu einem anderen Häftling und sagte: „Guck dir den Typen und das Mädchen an“ – es waren ein Mann und eine Frau auf der Karte – „Mein Bruder hat ihn umgebracht und ich habe diese B... umgebracht“. Wir haben den Fall aufgearbeitet.
Was ist mit den Familien der Opfer? Gab es Bedenken, Häftlingen Karten mit den Gesichtern ihrer verstorbenen Verwandten zukommen zu lassen?
Anfangs gab es das. Es gab ein Mädchen – sie wurde sexuell missbraucht und dann von einer Brücke geworfen - und ihre Mutter wollte nicht, dass ihre Tochter auf Karten gedruckt wird, dass Häftlinge das Bild ihrer Tochter haben, sie angucken, sich dabei selbst befriedigen. Aber als wir mit den Karten Erfolg hatten, rief sie an und sagte: „Bitte tun Sie meine Tochter auf das nächste Kartenspiel.“
Als ich die Idee hatte, habe ich zu einem anderen Mordkommissar gesagt: „Wenn wir nur einen Fall lösen, hat es sich gelohnt.“
In den USA wurden mindestens 35 bis 40 erwiesene Fälle gelöst. Zum Glück hat es also eingeschlagen.
- Adam Janos
