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Mexikos Drogenwelt steht nie still. Klare Reviere und eindeutige Frontlinien gehören längst der Vergangenheit an. Stattdessen überziehen wechselnde Allianzen, interne Machtkämpfe und blutige Konkurrenzkämpfe das Land wie ein permanentes Schachspiel um Territorium und Milliardenprofite. Und doch kristallisieren sich zwei Schwergewichte immer wieder heraus: das Cártel de Jalisco Nueva Generación und das Sinaloa-Kartell – Organisationen, an denen sich Rivalen messen und mit denen sich selbst regionale Gruppen arrangieren müssen.
Welche Kartelle aktuell den größten Einfluss haben und wie sie operieren, zeigen wir in diesem Überblick über die derzeit mächtigsten Drogenorganisationen Mexikos.
Cártel de Jalisco Nueva Generación (CJNG)
Das Cártel de Jalisco Nueva Generación (CJNG) hat sein Machtzentrum im westmexikanischen Bundesstaat Jalisco, insbesondere im Raum Guadalajara. Gegründet wurde die Organisation Anfang der 2010er-Jahre von Nemesio Oseguera Cervantes, alias „El Mencho“, einem ehemaligen Polizisten, der sich zu einem der meistgesuchten Drogenbosse der Welt entwickelte. US-Behörden setzten über Jahre ein millionenschweres Kopfgeld auf ihn aus. Sicherheitsanalysten gehen davon aus, dass das CJNG aus mehreren Tausend Kernmitgliedern besteht, ergänzt durch lokale Zellen und bewaffnete Einheiten, die in Propagandavideos immer wieder mit militärischer Ausrüstung auftreten.
Seinen schnellen Aufstieg verdankt das Kartell vor allem der industriellen Produktion synthetischer Drogen wie Methamphetamin und Fentanyl, die unabhängig von Erntezyklen hergestellt werden können und enorme Gewinne versprechen. Das CJNG ist maßgeblich am Schmuggel in die USA beteiligt. Berichte über den Tod „El Menchos“ Anfang 2026 haben Spekulationen über mögliche interne Machtkämpfe ausgelöst – erfahrungsgemäß führen solche Einschnitte jedoch eher zu kurzfristigen Gewalteskalationen als zum unmittelbaren Zerfall einer Organisation dieser Größenordnung.
Sinaloa-Kartell
Das Sinaloa-Kartell ist so etwas wie der „Old Player“ unter Mexikos Drogenorganisationen. Seine Wurzeln reichen bis in die 1980er-Jahre zurück, internationale Bekanntheit erlangte es unter Joaquín „El Chapo“ Guzmán. Trotz Verhaftungen, Auslieferungen und interner Machtkämpfe ist die Organisation nicht zerfallen. Ihr Zentrum liegt im nordwestlichen Bundesstaat Sinaloa, insbesondere im sogenannten „Goldenen Dreieck“ – einer schwer zugänglichen Bergregion zwischen Sinaloa, Durango und Chihuahua, die traditionell als Rückzugs- und Produktionsgebiet gilt. Statt einer starren Hierarchie funktioniert das Kartell heute eher als Verbund mehrerer Fraktionen, die unter dem gemeinsamen Namen operieren. Diese dezentrale Struktur macht es widerstandsfähig gegen gezielte Schläge gegen einzelne Führungspersonen.
Geschäftlich ist Sinaloa breit aufgestellt. Neben einer zentralen Rolle im Fentanyl- und Methamphetaminhandel kontrolliert die Organisation weiterhin wichtige Routen für Kokain aus Kolumbien, Ecuador oder Peru in Richtung USA. Amerikanische Ermittlungsbehörden führen Sinaloa regelmäßig gemeinsam mit dem CJNG als dominierende Akteure im Drogenschmuggel nach Nordamerika. Darüber hinaus sind Vertriebsnetzwerke in Europa und Asien dokumentiert – doch der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt bleiben die Vereinigten Staaten, wo synthetische Opioide für enorme Gewinne sorgen.
Cártel del Golfo
Das Cártel del Golfo zählt zu den ältesten Drogenorganisationen Mexikos. Seine Hochphase erlebte es in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren, als es große Teile der Grenzregion zu den USA kontrollierte und mit den später berüchtigten „Los Zetas“ einen eigenen bewaffneten Arm aufbaute. Nach der Abspaltung der Zetas und zahlreichen Festnahmen zerfiel das Kartell jedoch in mehrere rivalisierende Fraktionen. Heute operieren unterschiedliche Gruppen weiterhin unter dem traditionsreichen Namen – allerdings ohne die frühere Geschlossenheit.
Sein Schwerpunkt liegt im Nordosten Mexikos, insbesondere im Bundesstaat Tamaulipas entlang der Grenze zu Texas. Städte wie Reynosa oder Matamoros gelten als strategisch wichtige Knotenpunkte für den Schmuggel in die USA. Anders als CJNG oder Sinaloa verfügt das Golf-Kartell jedoch nicht mehr über landesweite Strukturen oder globale Reichweite. Seine Bedeutung speist sich vor allem aus regionalem Einfluss, der Kontrolle einzelner Grenzübergänge und der Beteiligung an Schmuggelrouten.
Cártel de Tijuana
Das sogenannte Tijuana-Kartell, historisch als Arellano-Félix-Organisation bekannt, war in den 1990er-Jahren einer der zentralen Akteure im Kokainhandel an der US-Grenze. Intensive Strafverfolgung und interne Konflikte führten jedoch zu einer deutlichen Schwächung. Heute existieren unter dem Namen verschiedene lokale Strukturen, die nicht mehr als geschlossene Organisation auftreten.
In den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu taktischen Allianzen zwischen Teilen dieser Strukturen und dem CJNG, das versucht, seinen Einfluss in Baja California auszubauen. Beobachter sprechen daher teilweise von einer engen Anbindung einzelner Tijuana-Fraktionen an das CJNG. Von einer vollständig integrierten Unterstruktur kann jedoch nicht gesprochen werden. Die Grenzregion Tijuana–San Diego bleibt ein strategischer Hotspot, in dem lokale Gruppen, Sinaloa-nahe Akteure und CJNG-Verbündete um Schmuggelrouten konkurrieren.
Regionale Kartelle und hybride Gewaltakteure
Stand 2026 wird das kriminelle Machtgefüge in Mexiko vor allem durch zwei Organisationen geprägt: das CJNG und das Sinaloa-Kartell. Beide dominieren zentrale Segmente der synthetischen Drogenproduktion und verfügen über internationale Schmuggelnetzwerke mit klarem Fokus auf den US-Markt. Darunter existiert jedoch eine zweite Ebene regionaler Akteure – etwa in Michoacán, Guerrero oder Tamaulipas. Gruppen wie die Nueva Familia Michoacana oder das Cártel del Noreste kontrollieren lokal Territorien, erheben Schutzgelder, profitieren vom illegalen Bergbau oder vom Treibstoffdiebstahl und sichern sich so eigene Einnahmequellen. Diese hybriden Strukturen sind weniger global ausgerichtet, wirken aber in ihren Regionen oft wie faktische Parallelmächte.
