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Als Betsy Faria im Dezember 2011 in ihrem Haus im US-Bundesstaat Missouri tot aufgefunden wird, scheint der Fall auf den ersten Blick eindeutig. Die 42-Jährige wurde mit mehr als 50 Messerstichen getötet. Es gibt keine Einbruchsspuren, keine Hinweise auf einen Kampf mit Unbekannten. Der Verdacht richtet sich schnell gegen ihren Ehemann Russ Faria. Wenige Stunden nach dem Fund der Leiche wird er festgenommen.

Was zu diesem Zeitpunkt kaum jemand ernsthaft in Betracht zieht: Der Mord hatte weniger mit Eifersucht oder einer eskalierenden Beziehung zu tun – sondern mit Geld. Genauer: mit einer Lebensversicherung.


Eine ungewöhnliche Begünstigte

Betsy Faria litt an Krebs im Endstadium. Monate vor ihrem Tod änderte sie die Begünstigtenregelung ihrer Lebensversicherung über rund 150.000 US-Dollar. Nicht ihr Ehemann sollte das Geld erhalten, sondern ihre enge Freundin und Vertraute Pamela Hupp.

Hupp hatte Betsy während der Krankheit unterstützt, sie zu Arztterminen begleitet und sich als unverzichtbare Helferin inszeniert. Nach dem Tod ihrer Freundin erklärte sie, Betsy habe ihr das Geld anvertraut, damit es später den beiden Töchtern zugutekomme. Tatsächlich sahen diese davon nie etwas.

Für die Ermittler spielte diese Konstellation zunächst kaum eine Rolle.
 

Tunnelblick der Justiz

Die Polizei konzentrierte sich fast ausschließlich auf Russ Faria. Seine emotionale Reaktion erschien den Beamten „unangemessen“, sein Verhalten am Tatort „kalt“. Die mehr als 50 Messerstiche ließen selbst für Laien keinen Zweifel an einem Tötungsdelikt – dennoch sprach Faria wiederholt von Selbstmord.

Entlastende Beweise, darunter ein belastbares Alibi, wurden relativiert oder ignoriert. Pamela Hupp hingegen galt als glaubwürdige Zeugin.
2013 wird Russ Faria wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Er verbringt mehrere Jahre im Gefängnis, bevor das Urteil aufgehoben wird. Erst neue Verteidiger, journalistische Recherchen und eine erneute Bewertung der Beweise machen deutlich, wie brüchig die ursprüngliche Anklage war. 2015 wird das Verfahren neu aufgerollt, Russ Faria freigesprochen.

 

 

Ein zweiter Mord bringt die Wahrheit ans Licht

Pamela Hupp versucht anschließend, die Ermittlungen erneut auf Russ Faria zu lenken – mit einem zweiten Mord. Ihr Ziel: sich selbst als Opfer darzustellen und den Verdacht endgültig von sich abzulenken.

Am 10. August 2016 taucht Hupp im Wohnwagenpark von Carol McAfee in Missouri auf. Sie gibt sich als Produzentin der Fernsehsendung Dateline aus und bietet 1.000 Dollar in bar für die Nachstellung eines Notrufs. Carol McAfee schöpft Verdacht, bricht das Treffen ab und informiert die Polizei.

Sechs Tage später lockt Hupp den 33-jährigen Louis Gumpenberger, der nach einem Autounfall geistig und körperlich behindert war, unter falschem Vorwand in ihr Haus. Sie erschießt ihn und versucht anschließend, die Tat als gescheiterten Einbruch darzustellen.

Doch Telefon- und Bewegungsdaten widersprechen ihrer Darstellung. Sie belegen, dass Hupp kurz zuvor in Gumpenbergers Wohnung gewesen war. Wie Carol McAfee wurde auch er mit einer erfundenen Geschichte in eine Falle gelockt.

Laut Ermittlern war der Mord Teil eines perfiden Plans: Hupp wollte behaupten, Russ Faria habe jemanden geschickt, um sie zu töten – ein fingierter Anschlag, der von ihrer möglichen Rolle im Mord an Betsy Faria ablenken sollte.

2019 wird Pamela Hupp wegen des Mordes an Louis Gumpenberger zu lebenslanger Haft verurteilt. 2021 folgt die Anklage im Fall Betsy Faria; der Prozess ist für den Sommer 2026 angesetzt. Auch der Tod von Hupps Mutter im Jahr 2013 wird nachträglich auf Fremdverschulden überprüft. Sie war damals angeblich bei einem Unfall vom Balkon gestürzt.
 

Ein Lehrstück mit bitterem Nachhall

Heute gilt der Fall in den USA als Lehrbeispiel für Ermittler, Juristen und Versicherer. Er zeigt, wie gefährlich institutioneller Tunnelblick sein kann – und wie leicht sich finanzielle Sicherungsinstrumente instrumentalisieren lassen, wenn Vertrauen zur Waffe wird.

Dass eine Lebensversicherung zum Mordmotiv wird, ist selten. Der Fall Pamela Hupp zeigt jedoch, dass es vorkommt.

Eine unerwartete Wendung bleibt dennoch. Carol McAfee und Russ Faria lernten sich im Zuge der Ermittlungen kennen. Aus der gemeinsamen Erfahrung eines Justizskandals entstand eine Beziehung – sie heirateten.


Foto © Chillicothe Correctional Center (Missouri Department of Corrections) / Wikimedia

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