Paul Uhlenhuth war eine wissenschaftliche Schlüsselfigur der frühen Forensik: Mit dem von ihm ab 1901 entwickelten Blut-Präzipitintest konnte erstmals serologisch unterschieden werden, ob Blut vom Menschen oder vom Tier abstammt. In einer Zeit, in der Täter Blutspuren regelmäßig als „harmloses“ Tierblut erklärten, wurde damit ein qualitativ neues Beweisniveau begründet: Spuren ließen sich nicht nur als Blut identifizieren, sondern in ihrer biologischen Herkunft bestimmen. Ein zentrales Problem der internationalen Strafverfolgung war damit gelöst.
Überführung des Mörders Ludwig Tessnow
Die Tragweite dieser wissenschaftlichen Errungenschaft zeigte sich im Fall Ludwig Tessnow: Nach dem Doppelmord bei Lechtingen am9. September 1898 geriet der Tischlergeselle Tessnow zwar in Verdacht (u. a. ein Knopf wurde seinem Anzug zugeordnet), wurde jedoch mangels Beweisen wieder entlassen; die auffälligen Flecken auf seiner Kleidung erklärte er damals als Holzbeize, nicht Blut. Erst nach dem Doppelmord auf Rügen Anfang Juli 1901 wurde Tessnow erneut festgenommen.
In diesem zweiten Komplex beauftragte der Untersuchungsrichter Uhlenhuth mit der Untersuchung: Uhlenhuth fand zahlreiche Blutflecken und konnte sie in Menschen- und Schafsblut differenzieren – ein Befund, der Tessnows Beize-These forensisch unterlief und die Indizienkette erheblich stärkte. Tessnow wurde in zwei Prozessen zum Tode verurteilt, aufgrund seiner angezweifelten Schuldfähigkeit wegen Geisteskrankheit am Ende aber in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Er starb 1939 während der durch die Nazis verübten Massaker von Piaśnica.
Mordfall Lucie Berlin
Der Mordfall Lucie Berlin war der zweite große „Schauprozess“ der frühen Blutartdiagnostik: Die Tat ereignete sich im Juni 1904 in Berlin; zentral war ein in der Spree aufgefundener Korb, an dem Blutspuren festgestellt wurden. Der Uhlenhuth-Test ergab, dass das Blut eindeutig menschlich war; zusammen mit weiteren Faser- und Sachbeweisen galt die Indizienkette gegen den Tatverdächtigen Theodor Berger als geschlossen, verurteilt wurde er im Dezember 1904.
Kritik & Vermächtnis
Uhlenhuth geriet später in Kritik, weil er nach 1933 an der Entlassung jüdischer und politisch missliebiger Kollegen an der Universität Freiburg beteiligt war bzw. diese Maßnahmen unterstützte. Sein wissenschaftliches Vermächtnis für die Forensik bleibt davon jedoch unberührt: Der von ihm entwickelte Präzipitintest begründete die moderne serologische Spurenauswertung und wurde später auch auf den Nachweis weiterer Körperflüssigkeiten ausgeweitet.
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