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Das ist die Geschichte zweier gewöhnlicher Teenager aus Manchester, Großbritannien, deren außergewöhnliche Freundschaft zu einem der ungewöhnlichsten Kriminalfälle in der Geschichte Englands führte.

Kurz vor 20 Uhr am Sonntag, dem 29. Juni 2003, wurde die Polizei zu einer Messerstecherei gerufen, die in einer dunklen Gasse in Altrincham, einer Stadt im Großraum von Manchester, stattfand. Die Beamten kamen am Tatort an und sahen, wie ein 14-jähriger Teenager um sein Leben kämpfte und langsam verblutete, nachdem er mehrere Stichwunden erlitten hatte.

In der Nähe stand ein 16-jähriger Junge, der die Polizei alarmiert hatte. Zu dem Schutz der beiden darf die wahre Identität dieser Teenager nicht preisgegeben werden, wir nennen sie im Weiteren John (14) und Mark (16).

Mark war sichtlich erschüttert von dem, was er gerade gesehen hatte. Er sagte der Polizei, er habe beobachtet, wie ein vermummter Mann seinen Freund ohne Grund erstochen habe, bevor er davongelaufen sei. Die Polizei nahm die Ermittlung auf, indem sie nach weiteren Zeugen suchte und das Material aller Überwachungskameras aus der Umgebung beschlagnahmte.

Wenige Tage später nahm der Fall jedoch eine überraschende Wendung. Vom Eingang der Gasse aufgenommene Aufnahmen zeigten, dass niemand außer John und Mark die Straße betreten hatte. Mark war nun ein Verdächtiger. Nachdem er mit den Aufnahmen konfrontiert wurde, gestand er schließlich, dass er John erstochen hatte.

Sein Motiv? Mark behauptete, er wäre von einer britischen Spionin namens Janet Dobinson, mit der er über einen Internet-Chatroom kommuniziert hatte, darum gebeten worden. Wenn er seine Mission erfüllen würde, würde er ein Mitglied des britischen Geheimdienstes, 80 Millionen Pfund erhalten, Tony Blair (den damaligen Premierminister) und die Queen treffen und sexuelle Gefälligkeiten von Janet erhalten, einer 44-jährigen verheirateten Frau, die ein Doppelleben führe. Mark hatte sogar einen Codenamen, 47695, und einen „Exit Code“, 6969, erhalten, falls die Mission abgebrochen werden musste.

Es schien alles ziemlich unglaubwürdig, aber der leicht zu beeindruckende und naive Mark glaubte jedes Detail der Geschichte, die für ihn online erschaffen worden war. Als Ermittler Marks Computer beschlagnahmten, fanden sie in einem Online-Chatroom über 58.000 Textzeilen. Als sie das Chatprotokoll durchgingen, glaubten sie zunächst, sie hätten es mit einem Pädophilen zu tun. Sie sollten sich irren.

In den letzten sechs Monaten hatte Mark mit einer Vielzahl von Leuten in dem Chatroom auf einer Website, die Teenagern aus Manchester gewidmet war, kommuniziert. Da war Rachel, 16 Jahre alt, der Mark ans Herz gewachsen war; John (das Opfer) war ihr Stiefbruder; Kevin, ein selbsternannter Stalker und schließlich Janet, die Spionin.

Mark besuchte das College und arbeitete nebenher in einem Restaurant. Er war ein guter Schüler und noch nie in Schwierigkeiten geraten. Seine Online-Zeit geriet jedoch außer Kontrolle. Bald verbrachte er mehr als 12 Stunden am Tag in dem Chatroom.

Das Chatprotokoll enthielt Gespräche über übliche Teenager-Themen wie Sport, Filme und Kleidung sowie Sex und Selbstbefriedigung. Mark hatte sich zunächst in Rachel verliebt, obwohl ihre Versuche, sich im realen Leben zu treffen, nie geklappt hatten. Der Chatverlauf nahm eine dunkle Wendung, als Kevin Mark schrieb, dass er Rachel entführt hatte und sie vergewaltigen und töten würde, es sei denn, Mark würde sich per Webcam filmen während er sich selbst befriedigt.

Mark war von Kevins Drohungen so überzeugt, dass er den Bedingungen zustimmte. Rachel wurde dann anscheinend von Kevin freigelassen, obwohl sie kurz darauf auf mysteriöse Weise aus dem Chatroom verschwand.

 

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Mark kam dann ihrem Stiefbruder John nahe. Er traf sich sogar persönlich mit ihm, um zusammen abzuhängen. Dann betrat Janet den Chatroom. Janet schrieb nur in Großbuchstaben und überzeugte Mark davon, dass sie als Spionin arbeitete und er der Grund war, weshalb sie sich dem Chatroom angeschlossen hatte, um ihn für den MI5 Security Service zu rekrutieren.

In den kommenden Wochen webte Janet ihr Netz der Täuschung und überzeugte Mark davon, „Tests“ durchführen zu müssen, durch die er seine Würdigkeit beweisen müsse, bevor er seine erste offizielle Mission erhalten sollte. Einmal bat sie ihn, John sofort von der Schule zu holen, da sein Leben in Gefahr sei. Laut Janet war John die wichtigste Person im Land, da er den Code für den Zugang zu einem geheimen Safe kannte, der auf dem Grund des Atlantiks versteckt war und von dem nur wenige Nationen wussten.

Mark gehorchte und überzeugte Johns Schule, dass er einen Zahnarzttermin hatte. Mit jedem Tag, der verging, wurde die Fantasie, die Janet erschuf, noch wilder und unglaublicher. Doch Mark stellte sie nicht in Frage. Er war verliebt in diese Frau.

John musste einen weiteren Test bestehen. Diesmal kam der Auftrag von Tony Blair persönlich, übermittelt von Janet. Premierminister Blair wollte, dass John als schwul angesehen wird, daher sollte Mark John oral befriedigen. Mark erfüllte auch dieses Mal seine Pflicht.

Schließlich kam der Zeitpunkt, an dem Janet Mark seine Mission mitteilte. Dazu ein Auszug aus dem Chatprotokoll: Janet: 'Kannst du jemanden erstechen?' Mark: 'Ich habe noch nie darüber nachgedacht.' Janet: 'Denk darüber nach.' Mark: 'OK'

Janet informierte Mark darüber, dass John an einem Gehirntumor leide und von seinem Leid befreit werden müsse. Wenn Mark die Aufgabe nicht erledigen würde, würde Janet ihren Job verlieren und die nationale Sicherheit wäre gefährdet.

Am Sonntag, dem 29. Juni 2003, brachte Mark bei dem Treffen mit John unter dem Vorwand, es sei für seine Mutter, ein Küchenmesser mit. Mark vermied sorgfältig die Überwachungskameras, vor denen Janet ihn gewarnt hatte, und betrat mit John die dunkle Gasse. Er stach zweimal auf ihn ein, einmal in den Magen und einmal in die Brust, und wartete dann 20 Minuten, bevor er die Polizei rief. Diese Verzögerung war auch ein Befehl von Janet gewesen, da John in der Zeit verbluten sollte.

Janet sollte die Erste sein, die am Tatort eintraf, verkleidet als Detektivin, die dafür sorgen würde, dass Mark nicht festgenommen wurde … aber Janet kam nie.

Nachdem die Ermittler Tausende von Textzeilen aus dem Chat durchgegangen waren, stellten sie fest, dass dort die meisten Leute unter falscher Identität auftraten. Ihnen fiel auf, dass eine Person das Wort „vielleicht“ (Englisch „maybe“) „mybye“ geschrieben hatte. Janet benutzte diese Schreibweise und John auch.

Die Polizei kam zu dem Schluss, dass John der Strippenzieher des Ganzen sein musste; er verkörperte jede Person in diesem Chatroom. Der Puppenspieler John zog die Fäden, während Mark die Rolle der Marionette einnahm. John hatte die Fantasiewelt geschaffen, die zu seiner eigenen Messerstecherei führen sollte.

John überlebte den Übergriff und erholte sich. Während Mark wegen versuchten Mordes angeklagt wurde, wurde John angeklagt, seinen eigenen Mord angestiftet zu haben. In rechtlicher Hinsicht war der Tatbestand in der britischen Kriminalgeschichte einzigartig.

Als die Wahrheit vor Gericht enthüllt wurde, konnte Mark nicht glauben, dass er so leichtgläubig gewesen war. Warum hatte John das getan? Allen Berichten zufolge war auch er, wie Mark, ein gewöhnlicher Teenager. Nichts an seiner Geschichte deutete darauf hin, dass er in etwas so Schreckliches verwickelt sein könnte. Die Antwort auf das Warum steht noch zur Debatte.

"Vergehen dieser Art würden unter normalen Umständen zu extrem langen Freiheitsstrafen führen", sagte Richter David Maddison, "aber diese Umstände können nicht als normal bezeichnet werden." Die beiden wurden stattdessen unter Aufsicht gestellt, John drei Jahre, Mark zwei. Beide wurden angewiesen, sich nie wieder zu treffen. Sie durften nur noch unter Aufsicht ins Internet gehen, jedoch nie wieder in Chatrooms.

 

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